Dating Paul

Januar 31, 2008

Transzendenz in der Wurstschlange

von Paul

Wo kommen denn heute morgen die ganzen Leute her? Schon ungefähr 32 Sekunden nachdem die morgendliche Frühstücksbringerin ihr Glöckchen gebimmelt hat, steht eine Schlange bis auf den Flur. Vor mir steht eine junge Frau, die mir vollkommen fremd ist. Schon wieder eine Neue? Diese Wachstumsbranchen. Alle 8 Minuten ändert sich hier die Belegschaft. Organigramme sind im Moment ihrer Erstellung schon veraltet. Ich stelle mich an, nicke dem fremden Menschen vor mir zu. Dann packt es mich. Ich frage die rothaarige Dame vor mir, ob sie neu ist. Sie meinte: “Nein, ich bin nicht neu. Ich bin 27. Das kann man wohl kaum als neu bezeichnen. Neu ist ein Mensch vielleicht die ersten 7 Jahre. Dann taucht er aus dem Bewusstseinsnebel auf und er wird zu einem richtigen Menschen.” Ich sage: “Nun … äh … interessant! Doch! Aber was ich eigentlich meinte war, ob du neu hier in der Firma arbeitest?” Sie sagt: “Im Augenblick arbeite ich gar nicht. Im Augenblick stehe ich an. Das Verharren im Augenblick ist die höchste Form des Daseins. Frei von der Vergangenheit, frei von der Zukunft. Lastlos und transzendent!” Ich denke … das möchte ich eigentlich nicht sagen, was ich genau denke … etwas, nein sehr abgemildert denke ich was in die Richtung beknackt seiernde Schwafelschnepfe … angereichert mit einer farbenfrohen Reihe jugendgefährdender Wieworte. Kurz überlege ich mir, die Optionen: Aufs Früchstück verzichten? Niemals! Beleidigend werden? Verlockend! Selbst seiern? Ja! Ich sage: “Da dir, wie du ja sagst, und was ich als durchaus faszinierend empfinde, die Zukunft keinen Gedanken wert ist, da das Hier, das Jetzt für dich die einzig zu erfassende temporale Einheit ist, bist du ja von dem was als nächstes passiert komplett unberührt. Der nächste Augenblick ist ein singulärer, für sich stehender Moment, der unkontextualisiert zwischen dem vorherigen und dem nachfolgenden steht und als solcher in seiner Einzigartigkeit phänomenologisch ein Unikum ist und wertfrei als Ereignis von dir registriert wird.” Das sage ich und drängele mich vor sie in der Wurstsemmelwarteschlange, ein Schritt näher hin zu meinem Frühstück.

Januar 30, 2008

Meeting der TaskForce – Dringendes Renaming

von Paul

Bei einem Flurgespräch zwischen Jean-Marie, dem Head of Business Strategy, und Juri, dem Controller, der Excel erfunden haben könnte, kam es zum Eklat, als unklar war welches Projekt eigentlich grade wie heißt. Jean-Marie sprach von dem streng geheimen KKD-Projekt und Juri konnte es nicht fassen. “Du kannst doch bei diesem Projekt nicht von KKD sprechen! Das hat mit KKD überhaupt nichts zu tun! Was du meinst ist nicht KKD das heißt jetzt CED und CED wurde umbenannte int ASR, Automated System Review. Das ist doch nicht so schwer! Vor allem, weil ich dir das heute morgen in einer Mail erklärt habe!” Jean-Marie meinte, er sei erstens grade erst gekommen und hätte noch keine Mails gelesen und ihm wär’ das ohnehin ziemlich wurscht und was denn nun mit KKD sei. Und da wurde Juri dann launisch, schrie rum und trat gegen den Schaukasten der Betriebssportgruppe.

Jean-Marie rief eine Renaming-Taskforce zusammen, die sich alle ongoing projects zur Brust nahm um die Bennenung grade zu ziehen, nachfolgend in aller Kürze die Ergebnisse:

Als ich dann vorschlug links in rechts umzubenennen und oben in Mittwoch, wurde es unruhig. Ich bin fluchtartig gegangen als Ullrich von der I-Net-Werbeabteilung ansetzte mit “… und Raider wird jetzt ….”

Januar 28, 2008

Meetingkultur – eine Einführung

von Paul

Das Meeting. Zentrales Happening in der New Economy. Etymologisch direkt und ganz klar eine Folgeerscheinung des Things, der Volks- oder Gerichtsversammelung bei den alten Germanen. Traf sich bei den Germanen der ganze Stamm unter dem Vorsitz des Stammesoberhaupts unter dem Schutz des Gottes Tyr um über Probleme, Angriffspläne und Fehden zu beraten und um Verbrecher zu richten, die gegen die stramme Stammesordnung verstießen, treffen sich im heutigen Meeting Kollegen. In festem oder wechselnden Kollegenkreis trifft man sich, idealerweise regelmäßig, um über neue Ideen zu sprechen (das nennt man “brainstorming”), sich abzustimmen (Meetingdeutsch: “updaten”), um Bestehendes kritisch zu betrachten (Meetingdeutsch: “reviewen”) und um sich gegenseitig zu erklären, was man bei bestimmten Dingen zu tun hat (”briefen”). Wenn es sich um ein besonders wichtiges und besonders regelmäßiges Meeting handelt, dann nennt man dieses Meeting nicht mehr Meeting, dann nennt man es “Jour Fix”.

Während das Thing bei den Germanen traditionell unter der Gerichtslinde stattfand und drei Tage dauerte, haben wir hier spezielle Meetingräume ohne Bäume, dafür aber meistens mit einem Beamer. Viele Meetings dauern nur 30 Minuten, fühlen sich dabei aber an, als wären es drei Tage und haben Stoff zum Inhalt, den man in 3 Minuten hätte abhaken können. Meetingräume werden nicht einfach durchnummeriert sondern erhalten Namen (diese rituelle Raumtaufe ist ein weiterer Hinweis auf den Ursprung im quasikultischen Thing). Unsere Räume hier heißen Adorno, Balzac, Camus, Descartes, Euripides, Foucault und Gucci. Einer dieser Räume wurde von der Marketingabteilung getauft – um diesen Blog spannend und dynamisch zu halten, dürfen Sie an dieser Stelle gerne raten, welcher Raum das wohl war. Viel Spaß beim Knobeln!

In Zukunft werden in dieser Rubrik Meetingprotokolle (Meetingdeutsch: “Minutes of the Meeting”) veröffentlicht, nachgespielt, analysiert, in verbaler Form ausdruckstänzerisch interpretiert oder gezeichnet.

CFU – Die Counter Fake Unit

von Paul

Wir sind ja hier unter uns und deshalb kann ich hier auch dieses heikle Thema ansprechen. Lassen Sie mich etwas weiter ausholen, um das Szenario plastisch zu illustrieren.

Die Firma, für die ich arbeite, ist ein mächtig großer Laden. Viele Millionen Online-Dater sind hier angemeldet und auf der Suche nach ihrem Glück. Im Bestreben, das Leben zu enteinsamen, gehen viele davon aus, dass all die anderen Leute, die sie hier treffen, das gleiche ehrliche Ziel haben, nämlich vom Single zum Mixt-Team zu werden und fortan im Spiel des Lebens mit doppelter Kraft antreten zu können. Sie denken gar nicht daran, dass jemand heimtückisch andere Ziele verfolgen könnte. Mit dieser Arglosigkeit schaffen sie unbewusst und unabsichtlich einen Nährboden für kriminelle Gesellen, die sich genau dieses offene Vertrauen für ihre finsteren Zwecke zu nutze machen und versuchen den sorglosen Single sukzessive auszunehmen. Virtuelle Heiratsschwindler und Cyber-Trickbetrüger finden hier das Analogon zu dem was der Markusplatz in Venedig Taschendieben offeriert.

Selbstverständlich kann eine Online-Datingbörse die etwas auf sich hält so etwas nicht einfach geschehen lassen. Es wurde ein Team geschaffen, dessen Aufgabe es ist, solche Abzocker zu erkennen und zu elimineren, bevor sie aktiv werden: Die CFU – Die Counter Fake Unit. Die Agenten der CFU sitzen vor gewaltigen Monitorwänden – das kann man sich ähnlich vorstellen wie in einem Flugplatztower oder bei einem Raketenstart – und beobachten das System. Sie entwickeln Muster zur Früherkennung, gleichen Bilder der Mitglieder mit der IOFPG (International Online Fake Picture Gallery) ab, machen Textanalysen und sorgen dafür dass es die schwarzen Schafe schwer haben überhaupt Mäh zu machen. Die CFU sieht sich dabei immer wieder mit harten und unerschrockenen Gegnern konfrontiert, die skrupellos und professionell organisiert ihre Ziele verfolgen um an das hart verdiente Geld echter Online-Dater zu kommen. Ein ewiges Katz-und-Maus-Spiel.

Seit die CFU vor zwei Jahren eine eigene Spionage Abteilung ins Leben gerufen hat, die nun zum einen proaktiv Agenten in die Abgründe der gegnerischen Organisation schickt und zum anderen mit getarnten Profilen im eigenen System, direkt am POF (Point of Fake) operiert, erreichten wir, dass große Attacken meist im Vorfeld erfolgreich abgewehrt werden und Fakes, die die Schutzwälle doch unterlaufen haben nicht lange ihrem fakischen Treiben nachkommen können. Doch das Problem ist noch lange nicht behoben und solange Online-Dating so en vogue ist, wird der fakende Arm des organisierten Verbrechens weiter zugreifen wollen. Zudem gibt es immer wieder motivierte Einzeltäter, die es schaffen, das System auszutricksen. Doch die CFU gibt nicht auf und entwickelt stetig neue Techniken zur Fakeprophylaxe.

Einige Mitarbeiter der CFU sind ehemalige Mitarbeiter internationaler Geheimdienste. Im Team befinden sich außerdem Soziologen und Psychologen, die Persönlichkeitsstrukturanalysen durchführen und so potentielle Opfer und Täter identifizieren. Die potentiellen Opfer werden fortan genauer beobachtet und wenn sich ein potentieller Täter nährt, kann sofort reagiert werden. Wir haben Informatiker die komplexe IP-Cluster-Scans durchführen und den technischen Herkunftsweg aller Besucher vor und zurück checken. Es gibt ferner Quantenmathematiker und Experimentalphysiker, die sich mit Dingen beschäftigen, die außer ihnen kein Mensch versteht, die aber auf jeden Fall sehr nützlich sind. Und dann haben wir noch Pavel, einen Psi-begabten Tschechen, der aus Farbverschiebungen des morphogenetischen Feldes drohende Fake-Angriffe vorhersagen kann und Auraanalysen vornimmt.

Januar 26, 2008

Inside the Dating Labs – Willkommen in der Forschungsabteilung

von Paul

Meine Sicherheitsstufe: umbra natur

Der Weg zu den Dating Labs ist nicht ganz einer Geraden folgend. Die streng geheime Forschungsabteilung befindet sich im 8. Untergeschoss und erstreckt sich 4 Etagen tief nach unten. Unter den Dating Labs befindet sich dann die riesige Serverfarm, von der nur die Top-Manager des Unternehmens mit Sicherheitsklasse H, wissen, was dort alles steht und bis zu welchem Untergeschoss das noch mal runter geht. Es wird gemunkelt, das “H” der Sicherheitsklasse, stünde für “Horst” – doch das weiß ich nicht mit Bestimmtheit. Könnte schon sein, da der Zwergpinscher unseres Chefsysadmins Horst heißt … könnte aber auch sein, dass es für “Ha! Ich hab’ die höchste Sicherheitsstufe! Ätsch!!” steht oder einfach fantasielos für “hoch” oder “high”. Könnte übrigens nicht sein, dass es Sicherheitsstufen von A bis H gibt und H einfach nach G kommt, denn die Reihenfolge unserer Sicherheitsstufen ist: 0, 01, 03, AB, grün, ocker, umbra natur, X1 und dann H. Weiß der Himmel, wer sich diesen Käse ausgedacht hat. Nur umbra natur, X1 und H haben den Schlüssel zum Aufzug.

Vom Aufzugsschlüssel zu Angelika

Um zu den Laboratorien in den Katakomben zu kommen benötigt man zuerst mal den speziellen Schlüssel für den Aufzug. Dreht man diesen Schlüssel, öffnet sich ein Nummern-Touch-Pad, auf welchem man einen 11stelligen Zahlencode eingeben muss, erst dann wird der Aufzug zum Abzug und fährt nach unten. Steigt man im Minus8. Stock aus, ist man noch lange nicht drin, sondern wird von einer beeindruckenden Stahltür empfangen. Dort benötigt man zunächst eine Magnetkarte und muss seinen Fingerabdruck scannen lassen.

Das öffnet den Weg in die erste Zwischenschleuse, in welcher dann ein Retinacheck, eine Haaranalyse und ein spezielles, individualisiertes 20 Question-Spiel anstehen. Danach kommt man in die zweite Schleuse. Dort steht ein bequemer Sessel, in dem man erst mal Platz nehmen kann. Dann wird die Raumtemperatur erhöht, bis eine leichte Transpiranz einsetzt. Hochsensible Sensoren führen dann eine Körperausdünstungsprüfung durch und öffnen bei erfolgreicher Prüfung die Tür zur Dating-Lab-Rezeption. Dort trägt man sich handschriftlich in eine Liste ein und muss die Worte “ars amandi” auf ein hypersensitives Computer-Tablet schreiben, welches dann eine Schrift- und eine Schreibdruckanalyse vornimmt. Nun kommt der letzte Teil. Man muss sich dem Test der hübschen Dating Lab Empfangsdame Angelika unterziehen und sie 30 Sekunden leidenschaftlich küssen. Nach bestandenem Kusstes öffnet sie die Tür zu den Laboratorien. Willkommen!

An was hier gerade gearbeitet wird, das erzähle ich euch das nächste Mal!

Januar 23, 2008

Die Premiere des abteilungsübergreifenden Flaschendrehturniers

von paul

Mein lieber Jolly. Und das ab jetzt immer ungefähr am dritten Mittwoch im Monat? Das kann ja ein Knaller werden. Ich muss gestehen, dass ich nicht so genau weiß, wer auf den Trichter kam, ein abteilungsüberfreifendes Flaschendrehturnier zu veranstalten. Mit dabei waren neben mir die Katinka aus der Buchhaltung, der stumme Bolle von den Sysadmins (von dem im nachhinein keiner mehr sagen konnte, ob er jetzt wirklich da war … ich glaube aber schon … ), Rufus von den Programmierern, der ja jede Chance nutzt, um nicht bei seiner Familie sein zu müssen. Weiterlesen… »