Januar 28, 2008
Meetingkultur – eine Einführung
Das Meeting. Zentrales Happening in der New Economy. Etymologisch direkt und ganz klar eine Folgeerscheinung des Things, der Volks- oder Gerichtsversammelung bei den alten Germanen. Traf sich bei den Germanen der ganze Stamm unter dem Vorsitz des Stammesoberhaupts unter dem Schutz des Gottes Tyr um über Probleme, Angriffspläne und Fehden zu beraten und um Verbrecher zu richten, die gegen die stramme Stammesordnung verstießen, treffen sich im heutigen Meeting Kollegen. In festem oder wechselnden Kollegenkreis trifft man sich, idealerweise regelmäßig, um über neue Ideen zu sprechen (das nennt man “brainstorming”), sich abzustimmen (Meetingdeutsch: “updaten”), um Bestehendes kritisch zu betrachten (Meetingdeutsch: “reviewen”) und um sich gegenseitig zu erklären, was man bei bestimmten Dingen zu tun hat (“briefen”). Wenn es sich um ein besonders wichtiges und besonders regelmäßiges Meeting handelt, dann nennt man dieses Meeting nicht mehr Meeting, dann nennt man es “Jour Fix”.
Während das Thing bei den Germanen traditionell unter der Gerichtslinde stattfand und drei Tage dauerte, haben wir hier spezielle Meetingräume ohne Bäume, dafür aber meistens mit einem Beamer. Viele Meetings dauern nur 30 Minuten, fühlen sich dabei aber an, als wären es drei Tage und haben Stoff zum Inhalt, den man in 3 Minuten hätte abhaken können. Meetingräume werden nicht einfach durchnummeriert sondern erhalten Namen (diese rituelle Raumtaufe ist ein weiterer Hinweis auf den Ursprung im quasikultischen Thing). Unsere Räume hier heißen Adorno, Balzac, Camus, Descartes, Euripides, Foucault und Gucci. Einer dieser Räume wurde von der Marketingabteilung getauft – um diesen Blog spannend und dynamisch zu halten, dürfen Sie an dieser Stelle gerne raten, welcher Raum das wohl war. Viel Spaß beim Knobeln!
In Zukunft werden in dieser Rubrik Meetingprotokolle (Meetingdeutsch: “Minutes of the Meeting”) veröffentlicht, nachgespielt, analysiert, in verbaler Form ausdruckstänzerisch interpretiert oder gezeichnet.
Ich tippe mal auf Gucci…
Damit wirst du Kommentarkönig! Umwerfend! Dieser sprühende Witz und der subtil gleitende Humor, grade zum Ende deiner Ausführungen. Dein Gewinn: Du darfst einen Tag lang die selbe Luft atmen wie ich.
Die nächsten Rätsel werden schwerer!
Lieber Paul,
Deine Ausführungen zum Thema “Meeting” haben mich peinlich berührt. Bei uns läuft das ganz ähnlich ab. Vertiefend sei jedoch das nahezu gänzliche Fehlen der Erwähnung des regulären Auftrittes eines Kollegen der Gattung “SysAdmin” bemerkt, der für kleine Pausen sorgt und die Teilnehmer kurz entspannt. Direkt zu Anfangsbeginn eines jeden Meetings wird – zum Zwecke des umfassenden Informationsflusses – unter bewunderndem “Oh” und “Ah” der Beamer mit einem der anwesenden Mobilcomputer verbunden. Jeder Manager hat einen firmeneigenen – laptoplose Wichtigtuer bringen Ihren eigenen von Zuhause mit zwecks Minderwertigeitskomplexkompensation. In diesem Moment stellt der Benutzerrechteverwalter bereits seine Lauscher auf Empfang für den ersten möglichen S.O.S.-Ruf. Gelingt dies noch, so ist er aber spätestens zur Stelle, wenn der Beamer hübsche, motivierende Windowsstandardbildschirmhintergründe an die Wand wirft und der Kollege am Laptop den anderen, mit einer mobilen Recheneinheit bewaffneten Mit-Meetern leicht verunsichert die Frage hinwirft: “Sagt mal, kann sich einer von Euch ins WLAN connecten? Mein VPN scheint gecrasht zu sein… Hier steht was von ‘Ressource Limit reached’!?” Nun folgt ein Intermezzo, zu dem ich gerne Mal die “Benny Hill”-Musik und den typischen Zeitraffer einspielen würde: Haare raufen allerseits – Schwitzendes Konfigurieren – Einer geht noch schnell ‘nen Kaffe holen – Ein anderer geht austreten – Genervte Gesichter – Ein “Früher wurde sowas ja ausgedruckt” von default anwesenden Computerverweigerer – Noch einer geht zum Kaffeholen – Die anderen zwei kommen zurück – Ich könnt auch einen Kaffe vertragen – Schwitzenderes Konfigurieren – Ich ruf schnell über die hausinterne Leitung in der Küche an und lass mir ‘nen Kaffe mitbringen – Mist… die Leitung ist tot – Der Sysadmin vor Ort ist bedauerlicherweise nicht für die Telefonanlage zuständig, der richtige Kollege im Mittag – Gequälte Blicke – Einer sagt: “Ich druck die Präsi schnell aus” und verschwindet – Jemand kommt zu spät: “Habt Ihr schon angefangen?” – Der Kaffeholer kommt wieder – “Hättest Du kurz angerufen, hätt ich Dir einen mitgebracht” – Ich fahr kurz Heim um den Hund Gassi zu führen, da der Drucker kein Papier mehr hatte und der Toner eh nicht für 11 Ausdrucke gereicht hätte – Danach geh ich noch einkaufen – Als ich zurück komme, ist ein Kollege inzwischen im Urlaub, der andere ersetzt worden und die Firmenstrategie von Weltherrschaft auf Puderdosenvertrieb geändert worden – ich bin alt – aber das Laptop beamt und ist connected.
Tag Sars!
Mann … dein Kommentar … als wäre ich selbst dabei gewesen. Willkommen in meiner Welt! Ich wittere eine verwandte Seele … bist du es, Oma Hans?
Ich möchte Dir dringend Raten von derartigen Beleidigungen uns, die wir Tag für Tag an der vordersten Marketingfront für Dein, ja ja (!) Dein, Wohl kämpfen in der Zukunft abzusehen. Außerdem ist Gucci längst out.
Des Rätsel RICHTIGE Lösung:
Adorno – klingt scheisse,
Balzac – zu alt, wir sind jung, dynamisch und keine 40(!),
Camus – stinkt wie ein Kamel,
Descartes – nur denken reicht nicht!,
Euripides – gib zu, den hast Du ERFUNDEN!,
Foucault – RICHTIG! Klingt Nobel und französisch und keiner weiss, was er wirklich gesagt hat.
In diesem Sinne!
Liebe MarketingTusse!
Erstmal schön, dass du hier bist und so fleißig kommentierst.
Ich soll Euripides erfunden haben? NIEMALS! Euripides lebte ca. 480 v. Jebus und war griechischer Philosoph und Tragödiendichter und erfolgreicher Teilnehmer bei den Dionysen (Gewinner von 4 Preisen) – den antiken Dichterfestspielen. Wie schon Sophokles thematisierte er unter anderem Elektra, die sagenhafte Tochter von Agamemnon (dem Erfinder von AgaAga). Elektra, Star der Athener Funkenmariechentruppe, die von ihrer Mutter, Klytaimnestra trainiert wurde, bekommt von Euripides folgendes berühmte Zitat in den den Mund gelegt: Du zählst im Elend keinen Freund.
Außerdem wird Euripides folgendes große Zitat zugeschrieben: Wo aber der Wein fehlt, stirbt der Reiz des Lebens. Angeblich hat er 440 v. Jebus zu einem Schankkellner, der ihm warmen Weißwein servierte gesagt: Schafft euch mal nen Kühlschrank an – warmen Weißwein kann kein Mensch saufen! Soviel erstmal zu Euripides. Kurz noch was zu Jebus: Jebus war ein Revolutionär im Kalenderwesen und hatte es satt, dass man Jahreszahlen immer mit einem Minus davor schreibt – deshalb hat er das Jahr 0 erfunden.
Ansonsten: Echt? Gucci ist out?
Den Kühlschrank hat er erfunden? Nun, wer mal Retsina probiert hat, wird mir zustimmen, die Griechen hätten den Kühlschrank erfinden müssen, oder sogar die Tiefkühltruhe. Nur tiefgefroren kann man das saufen. Ob dabei der Retsina tiefgefroren sein sollte, oder der Trinken, bleibt dem eigenen Geschmack überlassen…
MarketingTusse schrieb:
Dein Kommentar wird in Kürze freigeschaltet.
3.02.2008, 12:00
Nun ist es 20:32.
Definiere “kürze”
Er hat den Kühlschrank empfohlen … bis zur endgültigen Erfindung hat es dann noch wat gedauert.
Kürze dauert an Wochenenden länger … ich entschuldige mich in aller Form und empfehle folgendes Buch: Warten von G. Duld.
Ich wünsche noch einen schönen Abend bei einem tollen Weißwein … nem Roten Schiefer etwa … Prost!