Dating Paul

Februar 8, 2008

MeetArt oder die Geschichte von Boris’ Erfolg

by Paul

Boris war lange ein Kollege von mir. Vor jetzt rund 4 Jahren hat er gekündigt und sich zuerst mit einer kleinen Galerie selbständig gemacht. In New York. Er meinte, wenn er irgendwo mit der Idee Erfolg haben kann, dann in New York. Dramaturgisch, wäre es ja jetzt sehr hübsch, wenn er in New York gescheitert wäre, aber dem Spannungsbogen zum Trotze ist das nicht passiert. Es schlug ein. Wie eine Bombe. Das ART-Magazin brachte RIESENSTORYS über ihn und mittlerweile arbeitet er dort nebenbei als Kolumnist. Er besitzt mittlerweile mehrere Galerien, in New York, Amsterdam, Paris, Abu Dhabi und Castrop-Rauxel. In Castrop-Rauxel als Reminiszenz an seine Wurzeln.

Boris’ Vater ist Exilrusse (dessen Vater allerdings ein Exilschweizer mit Namen Reto Ring war, der kurz nach dem zweiten Weltkrieg nach St. Petersburg auswanderte um dort Kräuterschnapslutschbonbons für Damen zu produzieren), der in den 70ern in Castrop-Rauxel einen Borschtsch-Imbiss eröffnet hat, der allerdings konsequenterweise und vollkommen berechtigt Pleite ging. Nach dieser Niederlage fand er eine Anstellung in einem damals schwer expandierenden schwedischen Möbelhaus und traf dort seine Zukünftige, Ida Lund, die Tochter des Filialleiters Ole Lund. Die beiden brannten kurz nach der Inflammation ihrer Liebe nach Süddeutschland durch und eröffneten ein sehr gut gehendes Restaurant für russisch-schwedische Delikatessen (Highlight der Speisekarte waren Köttbullar mit russischem Ei und Kaviar). Boris hatte seinen zweiten Vornamen von seinem Großvater mütterlicherseits, Ole nämlich.

Boris arbeitete während seines Studiums schon in Online-Läden ganz unterschiedlicher Couleur, die letzten 5 Jahre seines normalen Berufslebens in eben dieser Online-Datingbörse, in welcher wir uns dann auch trafen. Schon in seinem Studium hatte er begonnen, sinnfreie Zeit in unnötigen Seminaren mit heiterem Zeichnen der kompletten Sinnlosigkeit zu entreißen. Die Angewohnheit, permanent irgendwas vor sich hinzuscribbeln wurde er nicht mehr los und er führte diese auch später in der Meetingkultur der New Economy weiter. Je mehr ein Meeting in Richtung Unnötigkeit driftete um so intensiver wurden seine Zeichnungen.

Irgendwann machte es dann Klick und er stellte fest, dass seine Zeichnungen mehr enthielten, als das was er in seinem eigentlichen Job produzierte. Und nicht nur das – er war sich sicher, dass er nicht alleine war. Er spürte, dass es da draußen hinter den polierten Fassaden der White-Collar-Internet-Branche viele gab wie ihn. Eingeschlossene Künstler. Seine geniale Idee war eine Galerie für Meeting Kunst. Kunst, die in Meetings entstanden ist. Diese Kunst wollte er sammeln, aufbereiten und vermarkten. Er startete Aufrufe und ließ sich von gelangweilten Meetingzeichnern Skizzen schicken. Nach einer Zeit des Sammelns begann er diese Werke auszustellen, und die Originale sowie Kopien als Kunstdrucke zu vermarkten.

Irrerweise stellte sich heraus, dass der Markt dafür gigantisch war. Chinesen kauften diese Werke, weil sie sich erhofften, aus den Zeichnungen geheime Produktpläne entschlüsseln zu können. Intellektuelle Europäer kauften teure Originale, weil sie sie nicht verstanden und deshalb für das Werk von Genies hielten. Amerikaner kauften die Zeichnungen, weil europäische Intellektuelle sie kauften und reiche Russen kauften sie, weil Amerikaner sie kauften, zahlten aber ohne Diskussion das Dreifache. Arabische Ölmilliardäre kauften sie, weil sie ohnehin alles kaufen und es dann auf die paar Bilder auch nicht mehr ankommt. Heute steht der Name B. O. Ring für ein weltumspannendes Kunsthandelsimperium mit einem Millionenumsatz.

Ich habe das große Glück, dass sich einige seiner Frühwerke in meinem Besitz befinden – Originale, die heute ein Vermögen wert wären. Diese Schätze darf ich, selbstredend nach erfolgter Rücksprache mit Boris, hier nach und nach veröffentlichen.

B. O. Ring – Werk 1

BORingWerk1

Ein Kommentar to “MeetArt oder die Geschichte von Boris’ Erfolg”

  1. Kulterer1971 schrieb:

    Unglaublich, diese Geschichte. Ich kannte auch mal einen Boris. Der war aber Spezialist für Datenbanken, speziell im Großrechnerumfeld, und hatte mit Malerei nix am Hut. Er ging auch nicht nach New York. Ein chronisches Leiden, irgendeine transpiratorische Drüsenüberfunktion, bescherte ihm ein recht einsames und zurückgezogenes Leben. Man sah ihn kaum. Oft war es eher die Witterung, die einem sagte, dass Boris in der Nähe war.

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