Dating Paul

September 4, 2008

Undercover

von Paul

Sorry Leute. Ich hab lange nichts mehr geschrieben. Konnte nicht. Und kann auch jetzt nur kurz. Ich bin undercover. Black Ops. Streng geheime Mission. Entgegen meiner sonstigen Verplaudertheit muss ich mich dieses Mal auch mächtig bedeckt halten. Zu viel steht auf dem Spiel. Fliege ich auf, ist es aus. Deshalb: psst! Es könnte gut sein, dass der Feind versucht meine Kommunikation abzufangen … denen traue ich allen zu, von Van-Eck-Phreaking bis zur Wanze im Dosophon. Diese Verbrecher. Doch eins nach dem anderen

Lasst mich die letzten 6 Wochen knapp zusammenfassen. Die kurzgefasste Geschichte beginnt mit einem dreisten Diebstahl …

Aus den Eingangshallen unseres phänomenalimposanten Headquarters wurden 8 Kunstwerke von Boris Ole Ring gestohlen. Das muss man sich mal vorstellen! 8! Und das war keine Din-A4-Meetart – es handelte sich dabei um große Leinwandkunst. 8 quadratische Leinwände in der Größe von 80 mal 80 Inch. Und nicht irgendwelche Leinwände. In diesen Kunstwerken versteckt sich die Firmenstrategie der nächsten 10 Jahre. Verschlüsselt natürlich, aber dennoch. Die öffentliche Ausstellung sollte zum einen auf subtile Weise den Geist der Vision des Kommenden in den Köpfen der vorbeiflanierenden Mitarbeiter impfen. Subtil deshalb, weil natürlich niemand davon informiert wurde, dass diese unglaublichen Strategie-Informationen in die Bilder eingearbeitet waren. Das wussten nur wenige ausgesuchte Mitglieder der Führungselite … und ich, als Verbindung zu Boris.

Der andere Grund für die derart öffentliche Ausstellung war, dass jemand aus der Chefetage die Idee hatte, dass enorm wichtige Dinge, die unbedingt geheim bleiben müssten, am besten öffentlich ausgestellt werden sollten, weil das am sichersten sei. Wie sich später heraus stellte hatte er das aus einem schwächeren Sherlock Holmes Roman. Nun ja, immerhin 9 Wochen hat sein Plan ja hervorragend funktioniert. Was nun die Frage war: Wurden die Kunstwerke entwendet, weil es sich um Einzelstücke von Boris Ole Ring handelte, die ein fanatischer Ring-Fan unbedingt in seiner lichtgeschützen Kellergalerie alleine für sich haben wollte oder steckte die verbrecherische Konkurrenz dahinter, die über erzgemeine Betriebsspionage Wind von der versteckten Botschaft in den Bildern bekam und diese nun gerade von ihrer Kryptoabteilung durchleuchten ließ, um den hellseherischen Plänen unseres Unternehmens das Wasser anzugraben.

Das galt es schnellst möglich herauszufinden. Das und wie die Werke überhaupt entwendet werden konnten. Schließlich hingen sie in einem extra dafür gefertigten, unauffälligen Glas-Tresor der mit dem letzten Chic von einem superperformanten Sicherheitssystem gekoppelt war.

Mit der Aufklärung dieser Fragen war ich in den letzten Wochen beschäftigt. Die ersten Ermittlungen gingen in Richtung Kunstraub, da ich sicher war hier auch zielführende Informationen zu erhalten, wenn der Hintergrund des Verschwindens der Bilder ein anderer war als Kunstinteresse. Die Fans von Boris waren in aller Regel über alles was mit Bildern ihres Idols geschah, sehr gut informiert und recherchierten selbst sehr genau. Nach ersten Untersuchungen in der polierten „Oberwelt“ der Kunstszene, schwang ich mich hinab in die Niederungen des Kunstsuchtsumpfes, in welchem Süchtige Fabergé-Eier frühstücken oder zwanghaft nicht anders können, als sich die Nase in Keith Haring Originale zu schnäuzen. Durch meine Kontakte zu Friedward Rund, dem Herausgeber der Boris-Ole-Fankreisdepesche 2πr, wurde mir die Tür zum Ring-Ring, einem Unterzirkel des weltumspannenden Boris-Ole-Fankreises, der sehr nahe an einer Geheimgesellschaft mit verschwörungstheoretischem Unterbau war, und über welchen ich mit den verdächtigen Sammlern in Kontakt kam. Den Alpha-Rolf, wie sich das Oberhaupt dieses Unterzirkels aus Gründen nannte, die sicher bizarr und verworren sind, von mir aber aus Zeit- und Relevanzmangel nicht näher recherchiert wurden, Emanuelle Gustave Cirque, traf ich schließlich nach einer höllischen Irrfahrt durch die Strandkasinos von Nassau, die Oasendatingkunstspelunken im Tschad, die verrauchten Art-Adiction-Kneipen von Barbados und die Avantgarde-Cafés New York Citys, endlich in einer versteckt liegenden Hinterhofgalerie von Bielefeld.

Schon nach kurzem Gespräch war schnell klar was ich schon zuvor vermutet hatte: Hintergrund des Diebstahls war kein Kunstinteresse. Alle Zeichen die ich las, deuteten in die Richtung der Konkurrenz. Irgendjemand von den Insidern hatte geplaudert und die Kraken der Konkurrenz haben sich die Bilder unter den Nagel gerissen.

Die Mitbewerber zu infiltrieren und herauszufinden in welchen Dechiffrierungsbüros die Bilder untersucht wurden, war alles andere als trivial – doch es gelang. Fast. 7 Bilder spürte ich auf und brachte sie zurück. Über die genaueren Umstände würde ich gerne ausführlicher schreiben, denn die Infiltration war reich an lebensgefährlichen Situationen, harter, körperlicher Action, erotischen Intermezzi mit heißblütigen Agentinnen der Gegenseite, die vor ihrer Tätigkeit für internationale Datingkonsorzien professionell modelten und trockenen Cocktails in Spitzenbars. Doch leider fehlt die Zeit. Das achte Bild fehlt noch. Und damit nicht genug. Boris wird vermisst. Er ist verschwunden und wurde vermutlich entführt um zu verraten, was die verschlüsselte Message der Bilder ist. Ihn zu finden hat jetzt oberste Priorität. Ich muss wieder weg. Die Spur führt nach Kanada.